Der Mann, Der Milan War

Der Mann, Der Milan War

Am 20. Januar 1985 betrat ein schüch­terner 16-Jäh­riger das ver­schneite Spiel­feld im nord­ost­ita­lie­ni­schen Udine. Kapitän Franco Baresi war­tete darauf, dass es wei­ter­gehen würde, und am Spiel­feld­rand gab Trainer Nils Lied­holm Anwei­sungen. Das Spiel endete 1:1. Es sollte sein ein­ziges in dieses Saison bleiben.

Fast 23 Jahre später steht jener Jugend­liche immer noch auf dem Spiel­feld, und es scheint, als sei Paolo Mal­dini in dieser Zeit um kein Jahr geal­tert. Noch immer ver­richtet er sein Tag­werk in Milans Abwehr, und Jahr für Jahr dachte man, dass nun Schluss sein müsse, dass der ​„Capi­tano“ genug gegrätscht habe. Jahr für Jahr ver­län­gerte er seinen Ver­trag. Doch jetzt soll es das end­gültig gewesen sein, nur noch ein Finale, ein aller­letztes, im Juni 2008 in Moskau. Im selben Monat wird er 40.

Milans Jung­brunnen

Der AC muss irgendwo auf seinem sagen­um­wo­benen Trai­nings­zen­trum Mila­nello einen Jung­brunnen haben. Wie sonst ist zu erklären, dass in der Mann­schaft rei­hen­weise Stars in Würde ergrauen dürfen und noch mit 41 die Cham­pions-League gewinnen, wie zuletzt Ales­sandro Cos­t­a­curta 2007? Mal­dini ist da kein Ein­zel­fall, im jet­zigen Kader stehen mit Giu­seppe Favalli (35), Serg­inho (36) und Cafú (37) drei Feld­spieler im geseg­neten Fuß­bal­ler­alter. Die drei Tor­hüter Dida, Kalac und Fiori sind eben­falls 34 Jahre oder älter. Viel­leicht liegt die außer­ge­wöhn­lich hohe Zahl an Fuß­ball­groß­vä­tern bei den Mai­län­dern aber auch an MilanLab. Hier werden alle Spie­ler­daten sta­tis­tisch erfasst und akri­bisch aus­ge­wertet. So ist es mög­lich, die phy­si­sche Ent­wick­lung und Rege­ne­ra­ti­ons­zeit der Spieler genau aus­zu­rechnen. Beim ​„Herz von Milan“ war sie immer sehr kurz. Erst vor vier Jahren begann Mal­dinis Körper seinen Tribut zu for­dern. Seine Knie zwangen ihn seitdem immer wieder zu kür­zeren Ver­let­zungs­pausen, und eben­jenes Kör­per­teil ist es auch, dass ihn jetzt dazu bewogen hat, für immer ​„Ciao“ zu sagen: ​„Ich habe Schmerzen, aber liebe es zu spielen. Doch der Schmerz war in letzter Zeit größer als der Spaß“.

Der unge­krönte König

So erfolg­reich Mal­dinis Ver­eins­kar­riere auch war, in der Natio­nal­mann­schaft blieb er titellos. Und das, obwohl er mit einer der stärksten Mann­schaften der Welt an drei Euro­pa­meis­ter­schaften und vier Welt­meis­ter­schaften teil­nahm, 1990 sogar im eigenen Land. Dort schei­terte die ​„Squadra Azurra“ im Halb­fi­nale an Argen­ti­nien im Elf­me­ter­schießen. Das gleiche Ende nahm das WM-Tur­nier 1994, als Roberto Baggio, diesmal im Finale, den ent­schei­denden Ball in die Mit­tags­sonne von Los Angeles drosch. Nachdem Ita­lien 1998 im Vier­tel­fi­nale am spä­teren Welt­meister Frank­reich und 2002 in einem denk­wür­digen Ach­tel­fi­nale an Gast­geber Süd­korea geschei­tert war, war für den lang­jäh­rigen Kapitän nach 126 Län­der­spielen Schluss. Auch dies war wieder ein Rekord in einer langen Reihe von Rekorden. Ein Trost, wenn auch nur ein schwa­cher: ​„Zweimal hatte ich die Tro­phäe unmit­telbar vor Augen. Sie stand auf einem Tisch am Rande des Spiel­feldes. Wir hätten nur noch gewinnen müssen, um sie in die Luft zu recken“.

Nie­mand hätte 2002 ahnen können, dass der damals 34-Jäh­rige fünf Jahre später immer noch wie eh und je die linke Abwehr­seite beackern würde, aller­dings mit Abste­chern in die Innen­ver­tei­di­gung, die seiner etwas abge­nom­menen Schnel­lig­keit geschuldet sind. Fast tra­gisch mutet es da an, dass Ita­lien 2006 dann doch – ohne ​„Il Capi­tano“ – Welt­meister wurde, nachdem der letzte Titel schon 24 Jahre zurücklag. Dabei waren seine Ver­treter Fabio Grosso und Marco Mate­razzi her­aus­ra­gende Prot­ago­nisten. Letz­terer wird als Zidanes Kopf­stoß­opfer in die Fuß­ball­ge­schichte ein­gehen.

Paolo Mal­dini – Der Film

Dabei hat es Mal­dini auch ohne Belei­di­gungen und üble Fouls zu Unsterb­lich­keit gebracht. Er bekam in seinen bis­he­rigen 604 Liga­spielen nur vier rote Karten, stand mit Milan in acht Lan­des­meis­t­er­fi­nalen und spielte ins­ge­samt 157mal im Euro­pacup. Alles Zahlen für die Ewig­keit. Genauso bedeu­tend ist sein Werk neben dem Platz. Weniger seine omni­prä­sente Wer­bung für eine schwe­di­sche Mode­kette, als viel­mehr sein posi­tiver Ein­fluss auf die Mann­schaft – wie bei Kaká, dem er half, sein Kar­rie­re­tief zu über­winden – und sein völlig skan­dal­freies Leben, in Ita­lien keine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Belohnt wurde dies mit dem Ver­dienst­orden der ita­lie­ni­schen Repu­blik.

Wenn man sich die der­zei­tige Ent­wick­lung des Calcio ansieht, wünscht man sich nicht nur aus sport­li­cher Sicht, dass Mal­dini sein Kar­rie­re­ende weiter hin­aus­zö­gert. Er, der auch nach dem dubiosen Aus der Ita­liener 2002 über die Leis­tung des Schieds­richter Byron Moreno diplo­ma­tisch schwieg, als ganz Ita­lien auf den Ekua­do­rianer ein­drosch. Er, der als einer der wenigen Stars im geteilten Land bei allen Tifosi beliebt ist. Er, der von seinen jet­zigen und ehe­ma­ligen Mit­spie­lern so geschätzt wird, dass sie alle, ob Baresi, Zoff, van Basten oder Schewtschenko, für ihn bei einem Film („Paolo Mal­dini – Il film“) mit­wirkten. Dieser Mal­dini warnt vor den Folgen der Ran­dale im ita­lie­ni­schen Fuß­ball, die im Tod eines Poli­zisten im Februar und eines Lazio-Anhän­gers vor einem Monat mün­deten. ​„Geis­ter­spiele wären der Tod des Fuß­balls“, sagt er, nachdem schon einige aus­län­di­sche Stars ange­kün­digt hatten, dem frü­heren Traum­land für Fuß­ball­le­gio­näre den Rücken zu kehren. Die Liga läuft der­zeit eini­ger­maßen, und auch im Euro­pa­pokal sind die ita­lie­ni­schen Mann­schaften wieder erfolg­reich.

Rot-schwarzes Blut in den Adern

Paolo Mal­dini spielt nicht nur für Milan, er ist Milan. 1968 wurde er in der Haupt­stadt der Lom­bardei geboren, als der Name Mal­dini dort schon mit Ehr­furcht gerufen wurde. Sein Vater Cesare hatte mit Milan 1963 den ersten Pokal der Lan­des­meister gewonnen und mit vier ita­lie­ni­schen Meis­ter­ti­teln die erfolg­reiche Nach­kriegs­epoche der Nord­ita­liener ein­ge­läutet. Nor­ma­ler­weise ver­erben große Fuß­baller ihr Talent nicht an den eigenen Nach­wuchs, wie schon Becken­bauer oder Pelé schmerz­lich erkennen mussten. Auch Cesare Mal­dini war sich am Anfang des Talentes seines Sohnes gar nicht bewusst: ​„Da sah ich Paolo eines Tages in der Küche beim Fuß­ball­spielen zu und habe sofort beschlossen, ihn mal zum Trai­ning zu schi­cken.“ Aus dem Trai­ning wurden 29 Jahre und 854 Pflicht­spiele für die Rossoneri. Dar­unter waren so denk­wür­dige Final­spiele wie 2003, als er 40 Jahre nach seinem Vater wieder den Lan­des­meis­ter­pokal gewinnen konnte. Oder 2005, als er gegen den FC Liver­pool nach 51 Sekunden eines der schnellsten Tore der Cham­pions League schoss und Milan nach 3:0‑Führung doch noch verlor. 2007 folgte schließ­lich sein fünfter Gewinn der wert­vollsten euro­päi­schen Ver­eins­tro­phäe.

Sein Mit­spieler Gen­naro Gat­tuso urteilt über ihn: ​„Selbst nach 20 Jahren beim AC Mai­land ist er immer noch von der glei­chen Lei­den­schaft beseelt“. Mitt­ler­weile sagt man Mal­dini nach, dass in seinen Adern rot-schwarzes Blut fließe. Wahr­schein­lich fließt dieses Blut in seiner ganzen Familie, denn nun macht sich sein 11-jäh­riger Sohn Chris­tian auf, in die großen Fuß­stapfen zu treten und spielt schon in der Milan-Jugend­mann­schaft. Er ist auch der ein­zige, der die Tri­kot­nummer drei seines Vaters erben könnte, da sie nach der Kar­riere des ewigen Paolos nicht mehr ver­geben wird – eben mit einer Aus­nahme.

Für den Vater hin­gegen könnte sich mit dem Finale der Cham­pions League 2008 ein Kreis schließen, der vor 23 Jahren im ver­schneiten Udine begonnen hat. 23 Jahre, in denen Mal­dini viele Stars beim AC, wie Gullit, Van Basten, Rivaldo oder Rui Costa hat kommen und gehen sehen, und in denen er gegen alle großen Spieler seiner Zeit, wie Mara­dona, Mat­thäus oder Zidane gespielt hat. Es waren Gene­ra­tionen, und Mal­dini hat sie alle über­lebt. So kann die lebende Milan-Legende schon jetzt, vor dem letzten Akt, auf eine erfüllte Kar­riere zurück­bli­cken: ​„Ich bin absolut zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Im Juni werde ich auf­hören, ohne etwas zu bedauern“

David Miller
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David Miller

David Miller brings 15 years of experience in global economics, personal finance strategy, and market dynamics. He specializes in turning complex economic trends into actionable insights for everyday readers.