Am 30. September veröffentlichte die Medienabteilung von Holstein Kiel in den sozialen Medien ein Foto, das die Situation beim Zweitligisten kaum treffender beschreiben könnte: Im Vordergrund stehen die Spieler mitsamt Trainer- und Betreuerteam. Ausgelassen feiern sie den 2:0‑Erfolg beim Karlsruher SC, den dritten Auswärtssieg der „Störche“ im vierten Spiel. Im Hintergrund bejubeln die mitgereisten Fans ihr Team. Sie schwenken ihre Fahnen und recken stolz ihre Schals in die Höhe. Am Fanblock prangt der Vereinsname in großen weißen Buchstaben auf einer Zaunfahne. Daneben ein weiteres Banner: Es trägt die Aufschrift „Vorstand raus!“. Denn: Jenseits der sportlichen Situation brodelt es zwischen den Anhängern und der Vereinsführung. Es ist ein Zwist, der sich seit mehreren Monaten zieht. Ist also doch nicht alles so selig im hohen Norden?
Wer die Situation von Holstein Kiel verstehen will, dem muss bewusst sein, dass der Verein erst vor zehn Jahren in den Profifußball zurückgekehrt ist. Der Höhenflug der „Störche“ führte zweimal in die Relegation zur Bundesliga und einmal ins Halbfinale des DFB-Pokals. Die Handballstadt hat die Liebe zum Fußball entdeckt. Aus dem kleinen Holstein-Stadion ist mittlerweile eine passable Zweitliga-Arena geworden. Doch bei genauer Betrachtung der Spielstätte zeigt sich noch immer, wie rasant der sportliche Aufstieg gewesen ist: Der VIP-Bereich befindet sich in einem Container außerhalb des Stadions, die 2019 fertiggestellte Osttribüne sieht aus, als wäre sie wie ein Lego-Bausatz an das Spielfeld gesetzt worden. So, als müsste man noch die übrigen drei Teile kaufen, um die Arena, die mittlerweile 15.000 Plätze fasst, zu komplettieren.
„Störche“ verkrafteten großen Umbruch
Die erfolgreichen Jahre haben zudem die Erwartungshaltung im Umfeld erhöht. Im Endspurt der vergangenen Saison verlor Holstein Kiel gegen Darmstadt 98, den 1. FC Heidenheim und Fortuna Düsseldorf dreimal hintereinander mit 0:3. Den Klassenerhalt hatte der Verein zu diesem Zeitpunkt zwar schon so gut wie sicher. Einige Fans sahen mit Blick auf die kommende Spielzeit aber stürmische Zeiten anbrechen. Damals war klar, dass mindestens sieben Spieler – darunter Leistungsträger wie Hauke Wahl und Fabian Reese – den Verein ablösefrei verlassen würden. Demgegenüber stand erst ein einziger Neuzugang: Nicolai Remberg aus der Regionalliga West. Einige Anhänger prophezeiten sogar ein baldiges Wiedersehen mit Erzrivale VfB Lübeck, der im Sommer in die 3. Liga aufgestiegen war. Auch kühle Norddeutsche können mal nervös werden.
Die Sorgen blieben jedoch unberechtigt. Sechs Monate später sind die Störche immer noch auf Kurs – und wie! Trotz des großen Umbruchs steht Holstein Kiel nach neun Spieltagen auf Platz vier der zweiten Liga. Am vergangenen Mittwoch haben die Kieler den Vertrag mit Trainer Marcel Rapp vorzeitig bis 2026 verlängert. Als der gebürtige Pforzheimer 2021 nach Kiel kam, fremdelten einige Anhänger zunächst mit dessen Verpflichtung. Der 44-Jährige war keine Identifikationsfigur wie Vorgänger Ole Werner, der jahrelang bei Holstein Kiel gespielt und im Jugendbereich gearbeitet hatte. Statt norddeutschem Slang gab es auf Pressekonferenzen fortan feinstes Badisch zu hören. Rapp spricht etwa in Jogi-Löw-Manier von „Leischtung“.
Zwischen den Fronten
Doch Rapps nüchtern analytische Art kommt gut an – vor allem bei jungen Spielern. Das Durchschnittsalter der Mannschaft hat sich in dieser Saison von 27,1 auf 24,8 Jahre verringert. Und er scheut sich nicht vor mutigen Entscheidungen. Der Coach machte überraschend das Kieler Eigengewächs Philipp Sander zum Kapitän, vor dem früheren Nationalspieler Lewis Holtby. Das Vertrauen zahlt sich aus: U23-Akteur Colin Kleine-Bekel erhielt im Sommer seinen ersten Profivertrag und debütierte nach fünf Einsätzen für die U21-Nationalmannschaft. Der gebürtige Rendsburger Tom Rothe, ausgeliehen vom BVB, zählt mit 18 Jahren zu den stärksten Akteuren der bisherigen Zweitligasaison.
Die Sorge der Fans, man könne keine konkurrenzfähige Mannschaft zusammenstellen, war auch deshalb unberechtigt, weil Sportchef Uwe Stöver die meisten Transfers bereits perfekt gemacht hatte, mit der Verkündung zum Großteil aber bis zum Saisonende gewartet hatte. Stand der 56-Jährige im Frühjahr noch in der Kritik, dürften ihm viele Anhänger nun hinterher trauern. Stöver wird seinen im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Im September hatte er in einem Interview mit den „Kieler Nachrichten“ bereits angedeutet, sich über das Ende seiner beruflichen Laufbahn Gedanken zu machen. Die Fans wissen die Arbeit der sportlichen Führung zu schätzen. Was die Arbeit des Vorstands angeht, sieht das hingegen ganz anders aus.